Mein erster Arbeitstag in Radio Tirana

Liebe Hörerinnen und liebe Hörer von Radio Tirana!

Sie empfangen Radio Tirana täglich, von Montag bis Samstag, auf unserer Internetseite www.rti.rtsh.al, sowie um 21 Uhr 30 bis 22 Uhr auch auf der Kurzwellenfrequenz 3985 kHz.

Wie wir schon berichtet haben, finden dieser Tage bunte Veranstaltungen zum 80. Jahrestag der Gründung von Radio Tirana statt. Den Höhepunkt erreichen diese Veranstaltungen am 27. November, weil wir eine große Konferenz organisieren, an der  alte und neue Mitarbeiter von Radio Tirana, Staatspersönlichkeiten, Vertreter der Zivilgesellschaft und der anderen Medien teilnehmen.

Am 22.  November  2018 hat das deutsche Programm in Radio Tirana sein 54. Lebensjahr vollendet.

Ich persönlich arbeite seit Anfang April 1978 in Radio Tirana. Radio Tirana ist für mich  eine  zweite Familie und ich bin stolz darauf.

Ich habe vor einiger Zeit ein langes Interview für meinen Freund Jochen Blanken über mein Leben und  meine Arbeit in Radio Tirana gegeben und möchte heute einen Ausschnitt mit Ihnen teilen.

Astrit Ibro: Ich wurde am 15. November 1954 in Durrës geboren und habe zwei Jahre in Durrës gelebt. Dann ist meine Familie nach Çorovoda in Skrapar umgezogen. In dieser kleinen Stadt mit zwei Flüssen mit einer tollen Landschaft bin ich aufgewachsen. Meine Kindheit war glücklich und interessant. Als Kind war ich sehr frei, denn meine Mutter ging von acht bis acht zur Arbeit und kontrollierte uns gar nicht. So gingen wir in den Fluss schwimmen, streiften überall herum und rauchten manchmal auch heimlich Zigaretten. Dort habe ich die achtjährige Schule absolviert. Zu dieser Zeit war ich in einem Verein von Jugendlichen und habe Fußball gespielt. Als ich dann im Gymnasium war, habe ich für die Mannschaft meiner Stadt gespielt, natürlich ohne die Schule zu vernachlässigen.

Wie Sie ja wissen habe ich an der Pekinger  Universität Germanistik  dreieinhalb Jahre studiert und dann kam ich im Februar 1978 nach Albanien zurück.

 Ich bin, wie gesagt,  im Februar 1978 zurückgekommen. Dann bekamen wir zwei Monate Urlaub, und ich habe bis April meine Familie besucht. Damals konnte man seinen Job nicht selbst suchen oder auswählen. Es kam einfach keine Nachricht. Ich machte mir schon ein bisschen Sorgen Zu Hause hatten wir kein Telefon.

Als ich nichts von einer Arbeitsstelle hörte, ging ich eines Tages zur Post und rief Sokol an, der in Tirana lebte. Ich fragte ihn: „Sokol, wie sieht es aus? Wo werden wir arbeiten? Hast Du davon etwas gehört?“ Und Sokol antwortete mir: „Wir beide werden bei Radio Tirana arbeiten. Bist Du schon einmal dort gewesen?“ „Nein, ich komme mal vorbei.“ „Dann komm bald!“ Am nächsten Tag war ich dort. Aber ich war auch besorgt, denn ich hatte die Befürchtung, ich könnte diese Arbeit als Journalist und so etwas gar nicht machen. Denn ich wusste gar nichts, ein Mikrofon hatte ich natürlich schon einmal gesehen, aber damit hatte ich noch nie gearbeitet. Am 4. April bin ich dann nach Tirana gekommen und habe am 7. April mit der Arbeit bei Radio Tirana begonnen. Ich weiß genau, es war der 7. April, weil Albanien am 7. April von den italienischen Faschisten besetzt worden war.[1]

Im Hinterkopf habe ich auch noch die ersten Eindrücke: Hier in diesem Raum, in dem wir jetzt sind, saß auch damals der Direktor für das Auslandsradio, Kiço Pandeli. Ich bin zum Radio gekommen, ging zu ihm, habe angeklopft, er hat mich ganz freundlich empfangen und sagte: „Du wirst hier arbeiten, also für die Partei, für uns,…“, usw Genaures weiß ich nicht mehr. Mitten in diesem Gespräch klopft jemand an der Tür und kommt herein, es war Joachim Röhm.[2] Er wusste gar nicht, dass ich da war, und sagte zu dem Direktor: „Shoku drejtor – Genosse Direktor, wir haben genug Platz in unserem Büro, die beiden neuen Übersetzer können im Büro mit uns zusammenarbeiten.“ Bis dahin arbeiteten die albanischen Übersetzer in separaten Räumen, die Ausländer hatten mehr Platz. Kiço sagte weder Ja noch Nein, aber am Ende saßen wir mit Achim und Doris Röhm in einem Büro. Nachdem ich meine Registrierung beim Adressenbüro und beim Militärbüro vorgenommen hatte, habe ich die Arbeit begonnen.

Auch den ersten Arbeitstag kenne ich noch sehr gut: Unser Zimmer hatte die Nummer 67, dorthin ging ich, bekam einen Stuhl und einen Tisch. Vor mir stand dort eine Olivetti-Schreibmaschine aus dem zweiten Weltkrieg. Dann kam Doris zu mir und erklärte mir die Maschine: „So legt man also das Papier ein, und kann dann anfangen. Nimm aber lieber zwei Stück Papier, damit diese Gummiwalze nicht beschädigt wird.

Damit begann ich, nun wollte ich zeigen, wozu ich fähig war. Langsam habe ich die erste Nachricht übersetzt. Ich weiß nicht mehr, was für eine Nachricht das war, aber sie hatte bestimmt 10 Zeilen. Nie hatte ich bisher eine Schreibmaschine gehabt, so ging alles sehr langsam. Plötzlich kommt Doris, reißt das Papier raus und nimmt es mir weg. Ich sage: „Stopp, ich bin noch nicht fertig!“ „Es dauert zu lange, wir müssen jetzt zur Aufnahme ins Studio gehen.“, es war elf Uhr. Sie hat die Übersetzungen selbst bis zu Ende fertig gemacht. So war also mein erster Arbeitstag.

Aber wir hatten es sehr schön – Sokol wird das bestimmt bestätigen: wir sind Joachim Röhm sehr dankbar, weil wir mit ihm direkt nach der Aufnahme der ersten Sendung alle unsere Übersetzungen Satz für Satz durchgegangen sind und korrigiert haben. In einem Notizbuch habe ich alle Fehler und Korrekturen notiert, dazu Sprüche, Redewendungen und alles. Ich weiß zum Beispiel noch, wie Achim einmal zu uns sagte: „Dieser Satz ist grammatikalisch korrekt, aber auch auf Deutsch klingt das nicht Deutsch. Auf Deutsch schreibt man so und so.“ So haben wir die ganze Zeit, sehr intensiv fast ein Jahr lang geübt, es war eine große Hilfe.

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[1] Am 7. April 1939 sind italienische Truppen in Durrës gelandet und haben Albanien besetzt.

[2] Joachim Röhm, geb. 1947, einer der bekanntesten Übersetzer vom Albanischen ins Deutsche, vor allem der Werke von Ismail Kadare aber auch andere. Er kam 1977 mit seiner Frau Doris nach Albanien und arbeitete im Staatsverlag „8 Nëntori“ und bei Radio Tirana.

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