Volker Willschrey: RADIO TIRANA UND ICH

Seit meiner Kindheit hat mich Albanien ganz besonders interessiert, ein Land, das damals kaum jemand bereist hatte und das so sehr isoliert war. Es gab so gut wie keine Informationen darüber.

Mein leidenschaftliches Hobby, das Sammeln von Ansichtskarten, das ich seit 1959 betreibe, war ein weiterer Impuls, dass ich mich mit Albanien beschäftigte. Ich hatte es binnen weniger Jahre geschafft, Ansichtskarten von allen europäischen Hauptstädten zu erhalten und erweiterte mein Sammelinteresse auch auf die Hauptstädte von Ländern auf anderen Kontinenten. Aber mit Albanien hatte ich keinen Erfolg. Da Albanien auch in den 60er Jahren kein Reiseland war, kannte ich niemanden, der dieses Land besuchte. Ende der 60 Jahre schrieb mir ein Priester (der das wohl im Geheimen war, denn die Ausübung von Religion war zu diesem Zeitpunkt schon strafbar) und sandte mir eine Karte. Die sah aus wie auf Zeitungspapier gedruckt, war aber immerhin das erste Sammelobjekt aus diesem Land.

 

1970 entdeckte ich durch Zufall die Möglichkeit, Auslandsrundfunkstationen auf Kurzwelle zu hören. Und ich war mehr als überrascht, als ich eine deutschsprachige Sendung mit sehr starkem Signal empfangen konnte und sich der Sender mit „Radio Tirana“ meldete. Endlich ein persönlicher Kontakt nach Albanien. Ich sandte meinen ersten Empfangsbericht nach Tirana und erhielt auch eine QSL-Karte und danach noch viele mehr. Das Programm zu jener Zeit war überaus politisch geprägt und reine Propaganda für die Arbeiterpartei Albaniens und deren Führer Enver Hoxha. Albanien hatte fast alle politischen Beziehungen abgebrochen. Die Russen wurden zu jener Zeit als „Sowjetrevisionisten“ bezeichnet. Später brach man auch die Beziehungen zum einzigen Partner, der Volksrepublik China, ab. Auch wenn das Programm sehr einseitig und voll von Propaganda war, so war es doch ein Signal aus einem unbekannten Land und man konnte trotzdem auch Wissenswertes über Albanien erfahren.Diese ersten Kontakte mit Albanien dank der Hilfe von Radio Tirana konnte  ich 1972 auf wundersame Weise festigen. Durch Zufall entdeckte ich über das deutsche Reiseunternehmen Orbis ein Angebot über eine einwöchige Reise nach Tirana, organisiert von dem staatlichen Unternehmen Albturist.

So flog ich von Frankfurt aus über Wien nach Tirana. Die Ankunft auf dem Flughafen von Tirana (Rinas) war schon was Besonderes: Es gab nur ein winzig kleines Gebäude dort, wo unser Flugzeug angehalten hatte, und nur noch eine weitere alte Maschine aus China. Um das Gebäude gab es ein Blumenbeet mit vielen Blumen.

Wir verließen das Flugzeug und wurden in das Gebäude geführt. Dort erhielten wir ein Getränk, danach gab es einen Stempel in den Pass und wir wurden ohne weitere Pass- oder Gepäckkontrolle zum Bus geführt, wo das Gepäck schon eingeladen war. Dann ging es zum Hotel Adriatik in Durrës, wo ich eine Woche blieb.

 

Das Hotel Adriatik lag damals noch ziemlich einsam und ohne Nachbargebäude am Strand von Durrës. Das Essen war vorzüglich, es gab viele kulinarische Köstlichkeiten und das Personal war zurückhaltend, aber freundlich. Besonders erwähnenswert war,

dass ich am Strand sofort Kontakt zu spielenden Jugendlichen bekam, die ganz begeistert waren, jemanden  aus Deutschland zu treffen, und stolz zeigten, dass sie den deutschen Fußball und die Spieler aus Deutschland  schätzten. Obwohl ich kein Wort Albanisch

konnte und auch vom Fußball keine große Ahnung hatte, und die Jugendlichen nur Albanisch sprachen, klappte das gut. Sofort fielen Namen wie Müller, Netzer und Beckenbauer.

Ausflüge gab es auch: nach Tirana, wo ich im Hotel Dajti zu Mittag aß (das einzige für Touristen zugängliche Restaurant zu jener Zeit), nach Kruja, der Stadt des albanischen Freiheitskämpfers Skanderbeg und nach Shkodra im Norden des Landes. In Tirana gab es kaum Autoverkehr, man konnte sich  auf der Hauptstraße bequem hinstellen, ohne Angst zu haben, dass ein Auto kommen würde …

Leider hatte ich zu dieser Zeit Radio Tirana nicht besuchen können. Ich war in einer Gruppe unterwegs und hätte die wahrscheinlich nicht verlassen dürfen. Es gab damals schon bessere Ansichtskarten, und ich konnte so auch meinen Wunsch nach Ansichtskarten

aus dem ganzen Land befriedigen. Auch in den Folgejahren habe ich mit Radio Tirana in Verbindung gestanden, allerdings nicht so oft, da mich die Propaganda über Enver  Hoxha nicht angesprochen hatte, aber doch ohne Unterbrechung.

Nach dem Sturz der Diktatur und den Unruhen im Land wurde der Sender jedoch wieder interessanter. Die Programme wurden zusehends objektiver, und man konnte auch von außen sehr deutlich wahrnehmen, wie sehr sich dieses Land veränderte, und welche Probleme es zu lösen gab. Für mich immer wieder bewundernswert, denn es war nicht einfach, von einem der totalitärsten Systeme der Welt, wo sogar Religion verboten war, zu einer Demokratie zu finden. Der Prozess hat viele Jahre gedauert und dauert immer noch an, und es ist für uns Hörerfreunde von Radio Tirana ein ganz großer Gewinn, das hautnah und direkt miterleben zu dürfen.

 

Seit vielen Jahren  stehe ich mit dem derzeitigen Leiter des deutschen Programms von Radio Tirana – Astrit Ibro – in enger Verbindung, und aus dieser Verbindung ist Freundschaft geworden. Astrit kennt meine Liebe und mein großes Interesse an Albanien,

und wir diskutierten die Möglichkeit eines Besuchs von Hörerfreunden von Radio Tirana beim Sender.

 

 

 

Astrit hatte dann eine Idee, er wollte eine Hörerreise nach Albanien vorschlagen und bat um Meinungsäußerung.

Diese Hörerreise fand große Zustimmung in der Hörergemeinschaft und so wurde seitens Radio Tiranas ein sehr vielfältiges und interessantes Besuchsprogramm zusammengestellt und den Hörern angeboten. Klar, dass ich sofort zusagte!

Für die Albanienreise vom 2. bis 9. Mai 2010 hatten sich zahlreiche Hörer angemeldet: zehn aus Deutschland und je einer aus Österreich, Dänemark und Tschechien. Der tschechische Teilnehmer Přemysl (Premek) Vinš hielt sich bereits in Tirana auf und bereitete seine Doktorarbeit in Albanologie vor.

Einige Hörer reisten schon am 1. Mai an. Schon bei der Ankunft auf dem Flughafen „Mutter Teresa“ in Rinas konnte ich die Änderungen seit meinem letzten Aufenthalt im Jahr 1972 erkennen: aus dem kleinen Flugplatz mit winzigem Abfertigungsgebäude und Vorgarten mit Blumen von damals war ein schmucker und moderner Airport geworden, der der Rolle Tiranas als Hauptstadt absolut gerecht wird.

Astrit Ibro holte uns am Flughafen ab und brachte uns zum Hotel Palma in Tirana. Bei meinem ersten Aufenthalt gab es außer dem Hotel Dajti kein anderes Hotel, und wir übernachteten in

Durrës. Diesmal wohnte ich direkt in der Hauptstadt und hatte so die Gelegenheit, mich dort frei zu bewegen. Astrit hatte ein sehr interessantes Programm für uns zusammengestellt: natürlich eine Besichtigung der Hauptstadt

Tirana, aber auch von Kruja, Geburtsort des legendären albanischen Freiheitshelden Skanderbeg, Durrës und Berat, der Stadt der 1000

Fenster und UNESCO-Weltkulturerbe, sowie Apollonia. Da in diesem Bericht Radio Tirana im Vordergrund stehen soll, möchte ich mich allerdings lediglich auf die Höhepunkte unserer Radio-spezifischen Programme beschränken.

Am zweiten Tag unseres Aufenthalts holte Premek uns im Hotel ab und brachte uns zum Sendegebäude von Radio Tirana in der Rruga (Straße) Ismail Qemali 11, das dort Ende der 60er Jahre erbaut wurde. Natürlich war das für uns ein ganz großer Höhepunkt,

denn schließlich waren wir endlich an der Stelle angelangt, wo die Programme von Radio Tirana produziert werden, die wir alle schon seit so vielen Jahren hören. Wir nutzten natürlich die Zeit, ein paar Aufnahmen vom Sendegebäude zu machen. Zwischenzeitlich war auch Astrit Ibro dazugekommen, der im Rundfunkgebäude auf uns gewartet hatte. Zusammen mit ihm begaben wir uns zu Zamira Koleci, der Hörfunkintendantin. Diese empfing uns in einem Konferenzraum. Die sehr sympathische Dame stellte uns Radio Tirana mit seiner Sendestruktur und seinen Aufgaben vor. Seit 1998 besitzt Radio Tirana den Status eines öffentlichen rechtlichen Senders.

 

Radio Tirana teilt sich in drei Hörfunkbereiche und einen Fernsehbereich auf. Innerhalb des Hörfunkbereichs gibt es Radio Tirana 1 mit einem Inlandsprogramm, Radio Tirana 2 mit einem FM Programm und Radio Tirana 2 mit Auslandsprogrammen.

Bei den Auslandsprogrammen unterscheidet man in ein albanisches

Programm für Albaner im Ausland und sieben Fremdsprachenprogrammen: Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Türkisch, Griechisch und Serbisch.

Das deutsche Programm wird seit 1954 ausgestrahlt. Man ist sich sehr wohl der Bedeutung des Senders als Informationsquelle bewusst und versucht, die Programme so interessant und aussagefähig wie möglich zu gestalten. Frau Koleci  untersteht auch das Sinfonieorchester  von Radio Tirana mit über 60 Musikern.

Dank Frau Koleci durften wir  zum Schluss unserer Reise auch in den Genuss der künstlerischen Darbietung dieses Klangkörpers kommen. In den folgenden drei Stunden hatten wir dann ausgiebig die Gelegenheit, die Redaktionen und Studios zu besichtigen.

Das beschränkte sich nicht nur auf das Auslandsprogramm (Tirana 3), sondern auch auf das Inlandsprogramm und die FM-Sendungen.

Auch die Abteilung Fernsehen wurde  nicht ausgelassen. Die verantwortlichen Programmleiter erklärten uns Besuchern sehr ausführlich und anschaulich die Programme, die Techniker begeisterten uns mit der perfekten synchronen Handhabung sowohl supermoderner, als auch sehr alter Geräte, und natürlich hatten wir auch die Gelegenheit die Redaktion zu besuchen, in der Astrit Ibro und Svjetllana Mihali das deutsche Programm gestalten. Dabei hatten wir dann auch Gelegenheit, uns ein bisschen mit Svjetllana zu unterhalten, deren Stimme vielen Hörerfreunden von Radio Tirana sehr vertraut ist. Astrit Ibro zeigte uns ein Poster mit einem Luftbild von Radio Tirana, das sich hinter seinem Schreibtisch befindet.

Und natürlich war es für uns Kurzwellenfreunde ein Hochgenuss, als er uns die vielen QSL-Karten zeigte, die Radio Tirana zurzeit verwendet. Die Motive wurden meistens von Astrit Ibro aufgenommen. Werner Schubert aus Grafing bei München, der Leiter des Radio-Tirana-Hörerklubs, hat die Fotos dann verwendet, um zusammen mit seinem Bruder die QSL-Karten zu gestalten und zu drucken. Während des gesamten Besuchs hatten wir immer ausreichende Gelegenheit, Fotos von den technischen Anlagen, Studios und Redaktionen zu machen, die wir natürlich nutzten. Es war ein sehr lockerer Besuch, ohne Zwänge und Förmlichkeiten, so wie man das unter langjährigen Freunden macht. Entsprechend war die Atmosphäre, offen und freundschaftlich. Wir hatten  immer das Gefühl, nicht irgendeine Rundfunkstation zu besuchen, sondern bei „alten Bekannten und Freunden“ zu Gast zu sein und fühlten uns „zu Hause“. Wir lernten auch Drita Cico, Leiterin des Monitoring-Dienstes von Radio Tirana kennen, mit der ich ebenfalls schon seit vielen Jahren in Verbindung stehe. Astrit blieb noch ein bisschen beim  Sender, da er noch Programme vorbereiten musste. Zusammen mit Premek begaben wir uns zurück zum Hotel Palma, wobei wir ein bisschen durch das Stadtzentrum von Tirana schlenderten, vorbei am Skanderbeg-Platz mit der Oper (ehemaliger Kulturpalast), dem Skanderbeg-Denkmal und der Ethem-Bey Moschee.

 

Um 15.00h trafen wir uns im Konferenzraum des Hotel Palma. Astrit Ibro begrüßte uns als die erste Reisegruppe, die Radio Tirana besucht hat, und stellte sich persönlich vor. Er arbeitet seit mehr als 32 Jahren bei der Deutschen Redaktion von Radio Tirana!

Dann gab es ausreichend Gelegenheit seitens der Teilnehmer der Reisegruppe, das Programm zu kritisieren und Vorschläge zu machen. Allgemein wurde das Programm positiv bewertet, aber man wünschte sich mehr Sendungen, die die touristischen Attraktionen des Landes vorstellen.

 Auf der Fahrt nach Durrës am nächsten Tag kamen wir an der imposanten Sendeanlage bei Fllaka vorbei. Von dort wird auch die Mittelwellensendung von Radio Tirana um 18.00h UTC auf 1.458 kHz ausgestrahlt. Die Einrichtung wurde von den Chinesen erbaut und ist schon ziemlich alt, funktioniert aber heute trotzdem, dank des Improvisationsvermögens der Techniker und des leitenden Ingenieurs, der übrigens ganz hervorragend Deutsch spricht, das er in Dresden erlernt hat. Sogar die chinesischen Techniker sind

verwundert, dass die technischen Einrichtungen noch heute so gut funktionieren. Ersatzteile gibt es dazu nicht mehr, alles muss repariert werden. Improvisation ist angesagt…

Am Nachmittag des 7. Mai begaben wir uns dann zum Hotel, um noch ein bisschen auszuruhen. Und am Abend  waren wir von der Hörfunkintendantin Zamira Koleci zu einer Aufführung des Sinfonieorchesters des Albanischen Rundfunks im Haus der Künste

unweit des Universitätsgebäudes eingeladen. 

Unter dem israelischen Dirigenten Nir Kabaretti und der Pianistin Mirela Koka brachte man sinfonische Werke von Beethoven, Schumann und Brahms. Ein würdiger Ausklang des Tages!

Der nächste Tag (Samstag, 8. Mai) war ganz dem Rundfunk und Radi Tirana gewidmet. Wir trafen uns gegen 10.00h am Stationsgebäude von Radio Tirana. Dort wurden wir vom technischen Direktor des Hörfunks, Arben Mëhilli, empfangen, der uns in einer interessanten Diskussionsrunde Rede und Antwort zu unseren Fragen bezüglich Radio Tirana stand. Auch hier konnte man ein Engagement für die Sendungen feststellen, so dass die Hoffnung besteht, dass uns Radio Tirana in deutscher Sprache als Informationsquelle über Albanien und freundschaftlicher Partner noch möglichst lange zur Verfügung steht. Anschließend brachte uns Astrit Ibro zu den Studios, wo er mit jedem Einzelnen der Besuchergruppe Interviews machte. Diese Interviews wurden in den folgenden Tagen vom Deutschen Dienst von Radio Tirana gesendet.

Am Abend war dann das letzte Highlight angesagt, eine Einladung des Generalintendanten des albanischen Hörfunks und Fernsehens, Petrit Beci, zum Abendessen im Schloss Juvenilia, ein wahres Feuerwerk an albanischen kulinarischen Köstlichkeiten und Getränken!

Herr Beci bat uns, bei der Entscheidung des Eurovision Song Contests für den albanischen Beitrag zu stimmen. In hervorragender Stimmung klang der Abend gegen Mitternacht aus, und wir gingen zu Fuß zum Hotel zurück.

 

Für den nächsten Tag (9. Mai) war die Rückfahrt angesagt. Nachdem wir uns bei Baklava und Raki (eine Geste des Hotelbesitzers!) gestärkt hatten, brachte uns Astrit Ibro gegen 12.30 h mit einem Wagen des albanischen Rundfunks zum Flughafen Mutter Teresa. Der Abschied war sehr herzlich, wie es nur unter guten Freunden ist.

Sehr pünktlich startete die Boeing der Malev nach Budapest, und auch dort war der Weiterflug relativ pünktlich.

Die Vulkanasche aus Island machte keinen Strich durch die Rechnung und so landeten wir auch sicher in Frankfurt Albanien – welch ein Land, welch ein Fortschritt in den Jahren! Aus einem Land im Dornröschenschlaf war ein pulsierendes Land geworden mit unzähligen Facetten, aus einer rückständigen Hauptstadt eine lebendige europäische Metropole, die keinen Vergleich zu scheuen droht.  Albanien ist immer eine Reise wert und hat seinen Platz im gemeinsamen Haus Europa und unsere Achtung ehrlich verdient. Radio Tirana und meinem lieben Freund Astrit Ibro „FALEMINDERIT“ (vielen Dank) für diese wunderbaren Tage und Dank auch an meinen guten Freund Premek und seine Unterstützung und die anderen Freunde, es waren harmonische Tage, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnere!

Ich komme gerne  wieder!

 Und dieses Versprechen habe ich auch gehalten, denn 2014 unternahmen meine Frau und ich eine Rundreise durch Albanien und zwei Jahre später (2016) waren wir wieder dort, dieses Mal war es eine Balkan-Rundreise, die uns durch die Länder Albanien, Montenegro, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Mazedonien führte. Beide Male konnten wir den lieben Astrit von Radio Tirana wieder treffen und miteinander plaudern.

 

 

 

 

 

 

 

Share this...
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter